Prioritäten setzen will gelernt sein

Vom Tag unserer Geburt an ist immer irgendjemand damit beschäftigt, über die Strukturen unseres Lebens zu bestimmen. Zuerst sind es unsere Eltern. Dann übernimmt das die Schule. Schließlich bestimmt unser Arbeitgeber, wie unsere Uhren zu ticken haben.

Die meisten Menschen können ihren Tagesablauf nur an den Wochenenden oder im Urlaub selbst festlegen. (Was zum Beispiel dazu führt, dass so viele Menschen erst einmal in ein Loch fallen, wenn sie in Rente gehen. Weil sie plötzlich mit so viel Zeit zu ihrer eigenen Verfügung nichts anzufangen wissen.) Wir (Frauen) lernen, auf die Bedürfnisse anderer einzugehen. Wie das mit unseren eigenen ist, lernen wir (noch immer) eher nicht.

Darum ist es auch kein Wunder, dass so viele Menschen genau an diesem Punkt scheitern, wenn sie sich selbständig machen. Oft kriegen sie während des ersten halben Jahres kaum etwas geregelt. Weil sie nämlich erst einmal regeln müssen, WIE sie etwas regeln. Plötzlich gibt es niemanden mehr, der ihnen sagt, wann sie etwas erledigen müssen. Oder wie viel Zeit sie dafür haben. Oder was wichtig ist und was nicht.

Und dann sind da alle diese Ablenkungen: eMails, Facebook und Twitter, klingelnde Telefone oder freundliche Freundinnen, die “kurz auf ein Schwätzchen” vorbeikommen.

Mein Rat: Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie während der ersten Monate einer Selbständigkeit scheinbar sehr viel weniger erledigt bekommen, als Sie das bisher von sich gewohnt waren. So eine neue Struktur zu entwickeln, braucht Zeit.

1994 hatte ich gerade einen Texterjob in einer Agentur hingeschmissen. Ich hatte eine neue Wohnung bezogen und eine Beziehung beendet. An meinem ersten Wochenende in der neuen Wohnung saß ich mit einer Flasche Prosecco inmitten von Umzugskisten auf meinem frisch verlegten taubenblauen Teppichboden und fragte mich, ob ich eigentlich ganz bei Trost war. Eine Frage, die ich mir im Laufe der Jahre öfter gestellt habe.

Immer war da dieses Gefühl, auf die Suche gehen zu müssen nach etwas, von dem ich lange nicht einmal hätte sagen, ob es wirklich da war. Das hat mich oft gezwungen, lange Phasen in Kauf zu nehmen, in denen ich mir isoliert vorkam. Arbeit ist ja nicht nur finanzielle Notwendigkeit. Es ist auch eine der wichtigsten Quellen für Kontakte. Wer sich selbständig macht, begibt sich damit nicht selten auf Wege, die viele Menschen nicht nachvollziehen können. Weil damit Ängste und Sorgen, aber auch Freuden verbunden sind, die Menschen in Angestelltenverhältnissen so oft nicht kennen.

Der Unterschied zwischen dem Leben als Angestellter und dem Leben als Selbständiger besteht vor allem darin, dass sich die Prioritäten ändern. Und das in erheblichen Maße. Darum soll es diesem Kapitel gehen. Denn unsere Prioritäten bestimmen die Struktur, der unser Alltag folgt. Sobald Sie wissen, was wirklich wichtig ist, wissen Sie auch, was in welcher Reihenfolge erledigt werden muss.

Hier sind die Schwerpunkte, die meiner Erfahrung nach für alle Selbständigen und Freiberufler gelten. Schwerpunkte, die vor allem für uns Frauen wichtig sind. Weil es sich für unser Gefühlsleben deutlicher als für das unserer männlichen Kollegen rächt, wenn wir unsere Prioritäten falsch setzen.

Prioritäten für Selbständige und Freiberufler:

1. Freunde & Familie
2. Gesundheit
3. Arbeit
4. Freizeit

Sieht einfach aus, oder? Und naheliegend. Die meisten von Ihnen werden wahrscheinlich sagen, dass diese Reihenfolge quasi auf der Hand liegt. Aber ich kann Ihnen garantieren: Bei jedem dieser vier Punkte gibt es Aspekte, die Sie so vermutlich nicht auf dem Zettel haben. Sehen wir uns die Punkte genauer an:

1. Freunde & Familie – also alle diejenigen Menschen, die Ihnen am Herzen liegen: Solange Sie irgendwo angestellt sind, ergibt sich die Struktur Ihrer Tage von selbst. Sie wissen, Sie kommen meist gegen sechs aus dem Büro und sind in Regel ungefähr um sieben zu Hause. Von neunzehn Uhr bis zum Zubettgehen um dreiundzwanzig Uhr haben Sie Zeit für Freunde und Familie. Arztbesuche legen Sie nach Möglichkeit um die Mittagspause herum oder in die Zeit kurz vor Feierabend. Und wenn der Fußballverein Ihres Sohnes ein Spiel bestreitet, findet das sowieso am Wochenende statt. Konkurrieren tun Arbeit und Familie selten.

Daraus ergibt sich eine scheinbar simple Konsequenz: Am besten funktioniert es, wenn es Selbständigen gelingt, die Zeit für Familie und Freunde so zu planen, wie sie es als Angestellte getan haben. Das dauert seine Zeit. Denn es erfordert Übung. Nicht nur für Sie, sondern vor allem auch für Ihre Familie und Ihre Freunde. Einige meiner Freunde neigten immer wieder dazu, sich mit mir verabreden zu wollen, wenn ich mitten in der Arbeit steckte. Ich konnte es mir gerade in den Anfängen meines Freelancerdaseins nicht leisten, einfach alles stehen und liegen zu lassen und mich im Garten einer Freundin auf die Liege zu hauen, weil das Wetter so schön war. Mir saß der Termin für einen Texterjob im Nacken.

Ich bin auch als meine eigene Chefin von Anfang an ziemlich konsequent gewesen. Inzwischen haben Menschen, die mir wichtig sind und denen ich wichtig bin, das begriffen.

Um Tagesabläufe zu strukturieren und herauszufinden, wie viel Zeit Sie für Familie und Freunde einplanen können, legen Sie sich am besten einen Wochenplan zu. Dann platzieren Sie die “Familienzeit” zuerst im Kalender. Im nächsten Schritt testen Sie, ob Sie Ihr Arbeitspensum mit dieser Planung schaffen. Das wird sicher nicht im ersten Anlauf klappen. Ergo: Passen Sie die Verteilung so lange an, bis eine (einigermaßen) ausgewogene Mischung dabei herauskommt.

2. Gesundheit: Wir alle wissen, wie wichtig es ist, dass wir uns um unsere Gesundheit kümmern. Aber nur die wenigsten Menschen beherzigen das. Dabei ist gerade Gesundheit für jeden, der selbständig arbeitet, geradezu erfolgsentscheidend. Vor allem, wenn Sie mit einen eigenen Business noch ganz am Anfang stehen. Doch gerade in der Startphase neigen viele Selbständige dazu, sich permanent zu überfordern und den Stress zu unterschätzen. Ich habe mehr als eine vielversprechende Gründung den Bach runtergehen sehen, weil Vorsorge vernachlässigt wurde, eigentlich harmlose Erkrankungen verschleppt wurden oder mit Kräften Raubbau getrieben wurde. Und so wurde nicht selten aus einem eigentlich kleinen medizinischen Problem eine existenzielle Bedrohung.

Halten Sie Termine für Vorsorgeuntersuchungen ein. Gehen Sie regelmäßig zum Zahnarzt. Zahnbehandlung können zeitaufwendig werden. Zeit, die Ihnen dann für den Aufbau Ihrer Selbständigkeit fehlt. Überanstrengen Sie Ihre Augen nicht. Wenn Sie merken, dass Ihre Augen trocken werden oder brennen (zum Beispiel, wenn Sie viel und lange am PC arbeiten (was inzwischen für die meisten von uns gilt), legen Sie Pausen ein. Und wenn Sie eine Brille brauchen, schieben Sie den Gang zum Augenarzt nicht auf. Halbblinde Unternehmer haben es schwer! Wenn Sie merken, dass eine Erkältung im Anzug ist, gönnen Sie sich lieber ein, zwei Tage Ruhe, als dann drei Wochen wegen Bronchitis keuchend im Bett zu liegen.

Tipp am Rande: Schokolade ist lecker, sollte aber nicht zum Grundnahrungsmittel werden. Pizza kann eine praktische Alternative sein, wenn man eine Nachtschicht für die Steuererklärung einlegen muss. Pizza ist aber auf die Dauer keine wirklich empfehlenswerte Form der Ernährung. Und nur, weil der Kühlschrank wenige Schritte entfernt vom Büro zu finden ist, sollte man ihn nicht alle halbe Stunde frequentieren.

Disziplin ist auch in Sachen Schlaf gefragt. Die meisten Menschen brauchen sechs bis acht Stunden pro Nacht. Legen Sie sich von Anfang an ein gewissen Grundgerüst zu und beginnen Sie Ihren Arbeitstag möglichst immer zur gleichen Zeit – auch, wenn Sie eigentlich ausschlafen könnten. Denn je länger Sie schlafen, umso länger brauchen Sie, um in die Gänge zu kommen. Und umso schwerer fällt es Ihnen in den folgenden Tagen, Ihren Rhythmus wiederzufinden.

Mein Tipp: Legen Sie sich ein kleines “Morgen-Ritual” zu, um den Arbeitstag zu beginnen. Rituale helfen bei der Entwicklung von Routinen.

Last but not least: Wenn nicht durch Partner/Ehemann und Kinder sowieso der Fall, pflegen Sie wenigstens einmal am Tag soziale Kontakte. Wer selbständig ist, verbringt viel Zeit allein. Das liegt in der Natur der Sache. Es gibt Menschen, denen macht das nichts aus. (Zu denen gehöre ich.) Viele Menschen aber kommen mit dem Alleinsein nicht gut zurecht. Es mag Ihnen vielleicht albern vorkommen, aber Einsamkeit ist nicht gesund. Sich einsam zu fühlen, ist nicht hilfreich für das Erreichen ehrgeiziger Ziele.

3. Arbeit: Der eigentlich Punkt, um den es geht, wenn Sie sich aus einem Angestelltenverhältnis (wenigstens teilweise) verabschieden. Mein Rat: Setzen Sie mindestens genauso viele Wochenstunden für Ihre neue Tätigkeit an wie vorher für die alte. Und erschrecken Sie nicht, wenn es anfangs eher doppelt so viele werden. Denn je mehr Sie sich am Anfang reinknien, umso schneller wird sich der Erfolg einstellen.

Und unbedingt beachten: Auch eMails beantworten, Twitter und Facebook, Internet-Recherche für Blogartikel, Buchhaltung und Rechnungen schreiben – ist ARBEIT. Fangen Sie gar nicht erst an, solche Tätigkeit in die Abendstunden zu verlegen oder – noch schlimmer – auf das Wochenende zu verschieben. Legen Sie “Bürozeiten” fest und bitten Sie Ihre Freunde, Sie während dieser Zeiten nur zu stören, wenn es um echte Notfälle geht. Merke: Je konsequenter Sie diese Richtlinien beachten, umso weniger Frust und Ärger gegen sich (und andere) bauen Sie auf.

Wie gesagt – es wird eine Weile dauern, bis Sie Ihren Rhythmus gefunden haben und Ihnen der in Fleisch und Blut übergegangen ist. Ich war immer eher Nachteule als Frühaufsteher. Nichtsdestotrotz habe ich inzwischen gelernt, mich irgendwo dazwischen einzupendeln. Es gibt noch immer Zeiten, in denen ich schon mal eine Nacht durcharbeite, weil ich gerade so schön in Schwung bin. Zum Beispiel beim Schreiben. Oder wenn ich meiner Website ein neues “Kleid” gönne. Dann erlaube ich es mir auch schon mal, am nächsten Tag bis mittags zu schlafen. Schließlich brauche auch ich meinen Schlaf, wenn ich bis morgens um fünf oder sechs am Computer gehockt habe. Doch das ist nicht die Regel. Gewöhnlich starte ich meinen Arbeitstag pünktlich zwischen acht und halb neun und mache gegen neunzehn Uhr Feierabend.

Planung braucht Disziplin. Auch diesem Punkt werde ich noch das eine oder andere Kapitel widmen. Denn ohne Disziplin werden Sie keinen Erfolg haben. Egal, in welchem Bereich Sie sich betätigen. Immer gilt die folgende Faustregel: Je mehr Zeit Sie investieren in das Erreichen Ihrer Ziele, umso mehr Gewinn werden Sie daraus ziehen. Das schließt übrigens auch all jene Stunden ein, die Sie darauf verwenden, etwas Neues zu lernen.

4. Freizeit: Jeder Mensch muss sich hin und wieder mal ausruhen. Man könnte auch sagen: Jeder Mensch muss einen Ausgleich finden zu den Tätigkeiten, die ihn beanspruchen und Kraft kosten. Das Schwierigste für mich bestand darin, herauszufinden, WAS für mich der beste Ausgleich war. Denn schon ziemlich schnell merkte ich, dass bloßes Faulenzen meist keine Entspannung für mich darstellte. Sicher – ab und zu mal ein Wochenende mit Schokolalla, Chips und ein paar Filmen auf der Couch herumlümmeln, finde ich auch schön. Aber für mich stellt das kein geeignetes Gegengewicht dar, um Stressfaktoren auf Dauer entgegenzuwirken. Dagegen habe ich schon bald gemerkt, dass ich es wunderbar erholsam finde, täglich eine Stunde strammen Schrittes mit meinem Hund durch die Botanik zu laufen.

Finden Sie heraus, was Ihnen gut tut. Und wie Sie an meinem Beispiel sehen, muss das Gegengewicht zu viel Arbeit nicht automatisch Nichtstun sein. Vielleicht ist es in Ihrem Fall Lesen. Oder der regelmäßige Saunabesuch. Planen Sie auch für Ihre ideale Freizeittätigkeit regelmäßige und feste Zeiten ein. Doch dann halten Sie sich an diese Zeiten.

Und keine Sorge: Im Laufe der Zeit werden Sie lernen, welche Signale darauf hindeuten, dass Sie Ruhe brauchen. Und welche Impulse auftauchen, wenn Sie gerade eine wichtige neue Idee ausbrüten.

Mein Tipp: Nehmen Sie meine kleine Liste und notieren Sie unter jedem der vier Hauptpunkte all das, was für Sie in jede der Kategorien gehören würde. Dann erstellen Sie einen ERSTEN Wochenplan anhand Ihrer Liste.

 

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Susanne

Susanne

Vordenkerin bei der Sternenfaktorei
Ich kann nicht zaubern, aber ich kann Ideen und Konzepte (auch gern mal ausgefallene) für so ziemlich alles und jeden entwickeln. Schließlich habe ich unter anderem damit lange Zeit mein Geld verdient. Und was ich gelernt habe, kann ich anderen einfach und schnell vermitteln. Ich war selbständige Konzeptionerin und freie Autorin. Jetzt bin ich Motivations- und Kreativitäts-Trainerin, Business- und Intuitions-Coach. Und der Kopf hinter der Sternenfaktorei. KaShaka!
Susanne

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